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Lampen künden Unwetter an

Sie mahnen, auf das Wetter zu achten und bereit zu sein. Sie sind von jedem Punkt auf dem See sichtbar und haben so manches Unglück verhindern helfen. Die orangen Lampen der Sturmwarnung rund um den Thunersee.

Blitze durchzucken den sich verfinsternden Abendhimmel. In immer kürzeren Abständen hallt Donnergrollen von der Stockhornkette und aus dem Simmental. Jetzt dauert es bloss noch Minuten, bis erste heftige Böen den See grünschäumend auswählen. Die Gewitterwolken begannen sich schon vor einigen Stunden zu türmen. Zeit genug, die Vorsichtsmeldung, auch Sturmvorwarnung genannt, einzuschalten. Und Zeit genug für alle Schiffsführer, sich auf schwereres Wetter vorzubereiten oder den sicheren Hafen anzulaufen.

Heftige Böen
Nun gilts ernst. Während die fünf orangen Signallampen beim Yacht-Club in Thun, beim Badhaus in Gunten, bei der Fischzucht in Faulensee, im Neuhaus bei Unterseen und in Leissigen bisher noch ruhige 40 Mal pro Minute blinkten, rotieren sie jetzt 90 Mal. Die Sturmwarnung hat die Vorsichtsmeldung abgelöst. Wer jetzt auf dem Wasser bleibt, kennt entweder die extremen Windverhältnisse, die auf dem See bisweilen herrschen, gut, oder gerät in Seenot und hofft auf Hilfe.
Dann geht es los. Nachdem eine thermische Brise vom Aaretal her mit zwei bis drei Windstärken den ganzen Nachmittag über freundlich über den See strich, zerreissen nun heftige Böen die kurze gespenstische Ruhe vor dem Sturm. Innert kürzester Zeit peitschen sieben, acht, neun Windstärken das Wasser. Gischt fliegt. Bis auf eine Handvoll erfahrene Surfer ist der See jetzt buchstäblich leergefegt – auch dank dem Sturmwarnungssystem.

Schiffsführer sind gefordert
„Die beschriebene Situation ist recht typisch“ sagt Roland Bühlmann, Betriebsleiter der Seerettung Thunersee. „Sie kommt jeden Sommer einige Male vor, wenn lokale Gewitterzellen herannahen.“ Er erläutert den Zweck der Sturmwarnung: „Die Vorsichtsmeldung, die pro Minute rund 40 Mal orange aufblinkt, macht auf die Gefahr des Aufkommens von Sturmwinden ohne nähere Zeitangabe aufmerksam. Sie wird möglichst frühzeitig ausgegeben und fordert den Schiffsführer auf, die Wetterentwicklung selber zu beobachten, diese laufen neu zu beurteilen und sich der allgemeinen Sorgfaltspflicht entsprechend zu verhalten.“
Die Sturmwarnung, die 90 Mal in der Minute blinkt, künde hingegen immer eine unmittelbare Gefahr an, erklärt Roland Bühlmann weiter. „Die Schiffsführer müssen unverzüglich alle notwendigen Sicherheitsmassnahmen für Mannschaft und Schiff treffen und allenfalls einen Hafen oder geschütztes Ufer anlaufen.“ In der Winterzeit vom 1. November bis 31. März werden Sturmwarnungen und Vorsichtsmeldungen nur zwischen 6 und 20 Uhr ausgelöst.

Unberechenbares Wetter
Alle grösseren Seen der Schweiz sind mit Sturmwarnlampen ausgestattet. Diese werden bei entsprechender Witterung automatisch von MeteoSchweiz ausgelöst. Eine Ausnahme bilden die Berner Seen. Auch hier gehen die Empfehlungen von MeteoSchweiz ein. Doch die regionalen Einsatzzentralen können für den Thuner-, Brienzer- und Bielersee individuell entscheiden, ob sie die Empfehlung befolgen und die Warnlampen einschalen oder nicht.
Umgekehrt lässt sich das Warnsystem auf den drei Seen auch ohne Empfehlung von MeteoSchweiz starten. „Dass wir regional reagieren können, ist ein gewichtiger Vorteil“, sagt Bühlmann. „Gerade im Gebiert des Thunersees herrschen oft unberechenbare lokale Wetterverhältnisse, die bei MeteoSchweiz gar nicht erkannt werden.“ Selbst Hinweise von privater Seite nimmt die Regionale Einsatzzentrale ernst und schaltet nach eigener Überprüfung gegebenenfalls die Leuchten ein oder aus.

Seit fast 60 Jahren
Bereits 1950 wurden die Sturmwarnposten durch den Seerettungsdienst, der seit 1947 besteht, eingerichtet. Kurt Wittwer, von 1947 bis 2007 in verschiedenen Funktionen ununterbrochen im Seerettungsdienst aktiv, blickt zurück: „Wenn Unwetter aufkamen, musste ich jeweils von unserer Garage in Merligen zur Ländte beim Hotel Beatus hinüberrennen, um dort eine grosse gelbe Flagge zu hissen.“
1960 wurde im Thuner Schadaupark die erste Warnlampe vorgeführt. 1961 kamen die ersten fünf Lampen an den heute bekannten Orten zu stehen. Ausgelöst wurden sie durch die Telefondirektion. „Leider funktionierten sie damals sehr oft nur teilweise“, erinnert sich Kurt Wittwer. Nach der Schaffung der Seepolizei 1963 betreute diese nach und nach die Sturmwarnung, später dann die Einsatzzentrale.
Wetterbeobachtungen oder Seenotmeldungen, sei es von Privaten oder Kursschiffführern, gelangen telefonisch an die Einsatzzentrale. Dies alarmiert die diensthabende Seepolizei und den Seerettungsdienst. Oft ahnen die Seeretter solche Ereignisse voraus. Aaron Teuscher, Stationsleiter der Seerettungsstation Eiger 3 in Gunten ist von der Wichtigkeit der Sturmwarnung überzeugt. „Gerade für Gäste, die mit den lokalen Eigenheiten des Sees nicht vertraut sind, bieten die Warnlampen guten Orientierung“, sagt der Betreiber der Segelschule Berner Oberland in Gunten. „Meist verlassen sie den See umgehend, wenn die Vorwarnung zu blinken beginnt.“

Quelle: Thuner Tagblatt, Mittwoch 9. Juli 2008 - Thuner Tagblatt Sommerserie 2008 - "Leben auf dem See"


http://be.stwarn.ch

Auf dem Thunersee – Unberechenbare Windsysteme

Dass der Thunersee der vielleicht beliebteste Segelsee der Schweiz ist, lieft an seiner beträchtlichen Grösse, der wunderschönen Lage – und an den zuverlässigen thermischen Winden, die an fast jedem sonnigen warmen Nachmittag vom Aaretal her über den See streichen. Doch als Bergsee hat er auch seine ganz besonderen lokalen Eigenheiten, die keinesfalls zu unterschätzen sind, vor allem bei gewittriger Wetterlage. Geht über dem Simmental dem Kandertal, Lombachtal oder Justistal ein lokales Gewitter nieder, dauert es in der Regel nicht lange, bis aus dem jeweiligen Tal heftige, bis aus dem jeweiligen Tal heftige Windböen in den See einfallen. Dies liegt an der Luft, die sich durch das Gewitter rasch abkühlt, dadurch schwerer wird und aus dem Tal in Richtung See abfliesst.
Gefürchtet sind auch Gewitter über dem Morgenberghorn. Blitzartig schiessen Fallwinde über dessen steile Hänge hinab und drücken buchstäblich aufs Wasser. „So kann sich schon über kurze Distanzen ein erstaunlich hoher, kabbeliger Wellengang aufbauen“, sagt der erfahrene ehemalige Seeretter Kurt Wittwer aus Merligen. „Gleichzeitig ist es möglich, dass der eine Teil des Sees spiegelglatt ist, während auf einem anderen starker Wind und hohe Wellen herrschen.“ Wenn die Sturmwarnung läuft, obschon der See noch ruhig ist, kann es also gut sein, dass Wind und Wellen erst noch kommen – oder anderswo bereits den See aufwühlen.


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