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Kein Tag gleicht dem anderen

Kein anderes Passagierschiff auf dem Thunersee klingt so romantisch wie die "Blümlisalp". Doch den schönen Raddampfer zu steuern ist komplex und erfordert Feingefühl. Kapitän Beat Hodel weiss das aus eigener Erfahrung.
Fast beiläufig greift Beat Hodel nach dem dünnen Seil, das unscheinbar an der Decke der Brüchenkabine befestigt ist. Geübt und behutsam zieht der Kapitän die Kordel nach unten. Ein kräftiger, lang gezogener hoher Hornstoss erklingt. Das Signal zum Auslaufen. Unverkennbar. So klingt auf dem Thunersee nur die "Blümlisalp", der einzige grosse Raddampfer. Leinen los.

Der Kapitän sendet ein Klingelzeichen an den Maschinenraum. Der Maschinist bestätigt den Ton sofort mit einem gleichen Klingeln. Dann die Nächste Überraschung: "Fertig", sagt der Kapitän zum Maschinisten. Nicht per Funk oder über eine Gegensprechanlage. Sondern über ein messingglänzendes Sprachrohr, rein akustisch. "Fertig", bestätigt der Maschinist. ""Vorwärts." die Bestätigung von unten. Rauschen. Die Schaufelräder beginnen zu drehen; stampfend und vibrierend setzt sich die "Blüemlere" in Bewegung.

Präzises Manöver
Hinaus geht's von der Ländte beim Bahnhof Thun in den Schifffahrtskanal, vorbei am "Kohlenchrumen", dann in den Aarelauf. Das Schiff meistert die Gegenströmung des Flusses mühelos und erreicht bald den offenen See. Schon kommt Hünibach. Wieder die Klingelsignale. "Fertig." - "Fertig." Der Maschinist ist bereit. Doch der Dampfer steuert mit beängstigendem Tempo direkt auf die Ländte. zu. "Wir brauchen ein gewisses Tempo", erklärt Kapitän Beat Hodel ruhig: "Sonst lässt sich das Schiff nicht mehr präzise steuern."
"Langsam", folgt der Befehl nach vorgeschriebenem Standard - und die Bestätigung: "Langsam." Der Schub ist weg, das Tempo aber noch immer beeindruckend. "Halt." - "Halt." Die Räder stehen jetzt still und wirken als Bremse. Konzentriert macht beat Hodel feine Bewegungen am schmucken alten Holzsteuerrad und geht dann hinaus auf die linke Brücke - Backbord -, um eine bessere Übersicht zu haben. Die Fahrt verlangsamt sich. Einige feine Steuermanöver mit dem "Joystick". "Rückwärts." - "Rückwärts" tönt es aus dem Sprachrohr zurück. Sofort kommt der grosse Dampfer zum Stillstand. "Halt" - "Halt" Die Räder stehen still. Das Schiff auch. Backbord hat die "Blümlisalp" präzis an der Ländte von Hünibach angelegt. Der Matrose muss die Trosse zum Festmachen nicht einmal werfen.

Mystische Stimmung
"Bereit." - "Bereit." Leinen los. "Vorwärts." - "Vorwärts." Weiter nach Hilterfingen. Oberhofen und Gunten folgen in kurzen Abständen. Vom Kapitän ist volle Konzentration verlangt. Daneben muss er unter anderem die Anzahl Passagiere erfassen, die zusteigen oder von Bord gehen. Heute sind es nicht allzu viele. Auf der Überfahrt quer über den See nach Spiez setzt leichter Regen ein. Gerade auch, wenn nicht Postkartenwetter herrscht, habe der See seine ganz besonderen Reize, sagt Beat Hodel: "Wenn etwas Nebelschwaden und Wolken die umliegenden Berge verhüllen; wenn sich Dunst und Nebel auf das Wasser legen. Bei solch mystischen Stimmungen verliert der See plötzlich seine Begrenzung. Dann könnte man meinen, man befinde sich auf einem Meeresarm oder einem Fjord."

Blindes Vertrauen
"Das innere Auge schaut mit. Weil man hier unten nichts sehen kann muss man sich jede Station, jede Ländte vorstellen können", sagt Maschinist Hanspeter Stucki. "Nur so weiss ich genau, was zu tun ist." Dazu kommen verschiedene Faktoren, welche die Fahrt beeinflussen. Etwa, wenn alle Passagiere auf einer Seite stehen und das Schiff Schlagseite kriegt. Oder wenn Seitenwind und Wellen gegen den Dampfer drücken. Von oben klingelt die Glocke. Die nächste Station liegt vor der "Blümlisalp". Stucki klingelt zurück. "Bereit." Antwort: "Bereit:" Das Kommando "Langsam" wird sofort quittiert und ausgeführt.
Auf der Rückfahrt treibt Westwind leichten Nieselregen ins Gesicht des Kapitäns. Seinen Beruf möchte Beat Hodel nicht missen. Seit 21 Jahren hat er auf verschiedenen Thunersee-Schiffen der BLS alle "Stationen" vom Matrosen bis zum Kapitän und zum Ausbildner, durchlaufen. "Kein Arbeitstag ist gleich. Immer wieder hat man es mit anderen Bedingungen auf dem See und mit anderen Passagieren zu tun", sagt der 49-hährige Vater zweier Kinder, während seine Augen bereits auf den Schifffahrtskanal in Thun gerichtet sind. Klingel nach unten. "Bereit..." Bald wird das Juwel der Thunersee-Schifffahrt an der Endstation beim Bahnhof anlegen. Bald ist Feierabend. Aber nicht, ohne zuvor einen kleinen Umtrunk mit der Mannschaft genommen zu haben. Das fördert den Zusammenhalt unter den Schiffsleuten. Ohne ihn geht es nicht.

Quelle: Thuner Tagblatt, Mittwoch 9. Juli 2008 - Thuner Tagblatt Sommerserie 2008 - "Leben auf dem See"


Neun Schiffe unterwegs
Einige Eckdaten zum Dampfschiff "Blüemlisalp": Länge 63.45 Meter, Breite 13.30 Meter, Tiefgang beladen 1.78 Meter, Verdrängung beladen 390 Tonnen. Antrieb Escher Wyss, 2-Zylinder Verbundmaschine, 478 Kilowatt. Geschwindigkeit 24 km/h. Fassungsvermögen 750 Personen. Restaurationsplätze 264 Innensitzplätze. Bauwerft Escher Wyss, Zürich. Baujahr 1906. Insgesamt befahren neun von der BLS betriebene Schiffe den Thunersee. Zur Flotte gehören nebst dem DS "Blüemlisalp" die MS "Berner Oberland", "Bubenberg", "Niederhorn", "Schilthorn", (mit Baujahr 2003 das neuste der neun Schiffe), "Stockhorn" und "Spiez".
www.bls.ch

Kursschiffe haben Vortritt
Die Vorschriften für die Seebenützer sind in der Verordnung über die Schifffahrt auf schweizerischen Gewässern geregelt. Die Kursschiffe haben immer Vortritt. Die anderen Seebenützer haben ihnen in jedem Fall auszuweichen. Die Schiffe sind in Folgender Reihenfolge vortrittsberechtigt: Kursschiffe, Güterschiffe, Berufsfischer (sofern der gelbe Ball gesetzt ist), Segelschiffe und Windsurfer, Ruderboote, Motorboote sowie Kitesurfer. Die innere Uferzone (0 - 150 Meter) darf nur zum An- und Ablegen auf dem kürzesten Weg mit maximal 10 Stundenkilometern befahren werden. Parallelfahrten zum Ufer sin nicht gestattet.
www.pom.be.ch/svsa





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