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Fünf Jobs an nur einem einzigen Tag

So viel Abwechslung kennt ein Tagwerk selten. Büro; Frachterkapitän auf dem Thunersee; Verladebediener; Trax- und Kranführer. Dies sind die Jobs des Firmenchefs und Schiffseigners Bernhard Rupp an einem einzigen Tag.

Wenn Bernhard Rupp um viertel vor sieben morgens die „Siegfried“ klar zum Auslaufen macht, ist dies Routine und für ihn nicht viel anders, als wenn ein Büroangestellter als Erstes den Computer startet. Bloss dauerst es etwas länger. Das Frachtschiff „Siegfried“ ist 31 Meter lang, 6.5 Meter breit und wiegt voll beladen 277 Tonnen.

Mit der Routine ist es immer dann vorbei, wenn etwa stürmischer Wind wuchtige Wellen gegen die firmeneigene Anlegestelle hinter dem Parkhotel in Gunten peitscht und den Kiesfrachter mit aller Kraft aus dem Kurs drücken will. „Dann muss man alle Erfahrung einsetzen, um das Schiff sauber auf den See zu manövrieren“, sagt Bernhard Rupp, der zusammen mit seiner Frau Karin Inhaber der Transportfirma Rupp Gunten AG ist. „Oder auch mal entscheiden, das Schiff vertäut zu lassen und besseres Wetter abzuwarten. Der See und seine Wetterlaunen werden immer wieder unterschätzt“, sagt er nachdenklich. „Aber dass wir gar nicht raus können, ist trotzdem eher selten.“

Ruhe und Frieden

Heute sind die Bedingungen fast ideal. Zwar verschlucken tief hängende Wolken das Bilderbuchpanorama um den See. Doch das graublaue Wasser ist spiegelglatt. Sanft und zentimetergenau zieht die „Siegfried“ rückwärts hinaus, bevor sie steuerbord – rechts – wendet und Fahrt in Richtung Felsen ausserhalb der Beatenbucht aufnimmt. Ruhe kehrt ein, wobei auch das laute, gleichmässige Vibrieren des Dieselmotors beruhigend wirkt. Der morgendliche See strahlt einen Frieden aus, dem man sich nicht entziehen kann. Automatisch hebt sich die Laune. „Was müssen wir laden?“

45 Minuten später ist Balmholz erreicht, einer der grössten Steinbrücke der Schweiz, gut verborgen, zwischen Beatenbucht und Neuhaus. Mit der Ruhe ist es nun vorbei. Nach präzisem Anlegemanöver und fachgerechter Vertäuung (Festmachen mit Seilen) wertet das „Ledischiff“, bis ein letzter Transportlaster mit Schotter wegfährt. Dann setzt sich das Förderband zur Wasserseite hin in Bewegung. Gehörschutz auf. Mit ohrenbetäubendem Lärm prasseln die Schottersteine in die grosse Metallwanne der „Siegfried“. 200 Tonnen Bahnschotter türmen sich im Frachter, als die Leinen losgemacht werden.

Ein eingespieltes Team

Wieder kehrt Ruhe ein. 75 Minuten Fahrt bis zur Verladestelle. Bernhard Rupp wechselt seinen Job täglich mehrmals. Um halb sieben in der Früh macht er „Dispo“ und Administration im Büro. Ab sieben ist er Kapitän. Eine Stunde später bedient er Förderbänder im Kieswerk. Dann steht er wieder am Steuerrad auf dem Frachter. Kran- und Traxführer folgen noch. Dabei ist er natürlich nicht allein. Er und Schiffsführer Johann von Gunten sind ein Team. Sie sind aufeinander angewiesen.

Rupp betont, wie umweltschonend der Kiestransport auf dem See ist, während die im Jahr 2000 generalüberholte und umgebaute „Siegfried“ gerade die eigene Anlagestelle in Gunten passiert. Eine einzige Schiffsladung ersetze 15 Lastwagenfahrten vom Balmholz bis nach Thun. „Entlastet wird nicht nur die Umwelt, sondern auch die viel befahrene Seestrasse, insbesondere die Nadelähre in Thun.“

Trotz der Energieeffizienz – ein 215-PS-Motor reicht völlig aus, machen die hohen Treibstoffpreise der Firma zu schaffen. Und Bernhard Rupp ärgert sich über den Strassenzoll auf seinem Schiffsdiesel, wo doch die „Siegfried“ die Strasse entlaste. Steuerbord ist das Schloss Oberhofen zu sehen. Der Verladebahnhof in Thun Scherzligen naht.

Durchdacht bis ins Detail

Nach einem weiteren gekonnten Wende- und Anlegemanöver, diesmal im fliessenden Gewässer des Aarekanals in Thun, folgen wieder „Jobwechsel“. Schiffsführer Johann von Gunten klettert in den auf Geleisen fahrbaren Verladekran und beginnt mit dem Löschen, dem Entladen der „Siegfried“. Greifschaufel um Greifschaufel erleichtert er den Frachter und entleert die tonnenschwere Ladung krachend in eine Komposition Güterwaggons. Selbst die Komposition bewegt der Kranführer, indem er die Schaufel in einen Güterwagen hineinhängt und die ganze Waggonreihe vorwärtszieht und mit gegensteuer wieder bremst. So füllt sich Wagen um Wagen. Der restliche Bahnschotter geht „aufs Lager“ – einen grossen Schotterhaufen.

Alles ist durchdacht bis ins kleinste Detail. Die Kranschaufel greift einen kleinen Trax mit aufgeschweisstem T-Balken auf dem Kabinendach und hebt diesen ins Schiff. Bernhard Rupp schiebt damit den Schotter zusammen bis die letzte Greifschaufel über der „Siegfried“ davon schwebt. Vor der Wegfahrt wird auch der Kleintrax wieder aus dem Schiff gehoben. Dann folgt die Dusche. Eine Kranschaufel voll Aarewasser rauscht zur Reinigung der Länge nach aufs Schiff. Von Gunten steigt vom Brückenkran. Leinen los, und zurück geht die Fahrt.

„Was müssen wir nun laden?“ 200 Tonnen Feinkies. Bernhard Rupp ist wieder Kapitän, Johann von Gunten Schiffsführer – bis zum zweiten Stopp des Tages im Steinbruch Balmholz.


Quelle:
Thuner Tagblatt, Mittwoch 28. Juli 2008 - Thuner Tagblatt Sommerserie 2008 - "Leben auf dem See"

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