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Einen Tag Arbeit für fünf Kilo Fisch

Mitten in der Nacht aus den Federn, um im verregneten Morgengrauen Fischernetzte aus dem See zu ziehen. Das Leben als Fischer auf dem Thunersee ist hart. Ist der Fang dann noch mager, braucht es viel Durchhaltewillen.

Noch ist fast stockdunkle Nacht, als Hans Sieber mit seinem schlanken Fischerboot auf den Thunersee hinausfährt. Dabei sind jetzt die Längsten Tage im Jahr. Doch schwere Regenwolken dimmen das erste Tageslicht um 4.45 Uhr zu einem fahlen Morgengrauen. Ganz fein ist auf dem bleidunklen Wasser ein Licht auszumachen. Der Fischer steuert darauf zu. Bald ist das Netzkreuz erreicht. Daran angehängt nicht etwa ein batteriebetriebenes Licht, sondern eine schlichte Petroleumlampe. Hier beginnen die fünf ausgelegten und miteinander verbundenen Schwebenetze, Maschenweite 40 Millimeter mit denen Hans Sieber in den Sommermonaten nach Felchen fischt.

Den ganzen See für sich

Westwind hat am Vorabend die Netzte weit abgetrieben, sodass Hans Sieber um 21 Uhr nochmals raus musste, um sie zurückzuschleppen. Sonst hätte Gefahr bestanden, dass sie in die Erdgasbaustelle getrieben wären und sich dort verfangen hätten.

Es ist still, so früh am Morgen auf dem See. Und einsam. Dabei zeugen unzählige Lichter davon, dass die Seeufer dicht besiedelt sind. Doch vielleicht ist Sieber im Moment der einzige Mensch auf der fast 50 Millionen Quadratmeter grossen Fläche des Thunersees – falls nicht noch zwei, drei andere Fischer ebenso früh unterwegs sind.

Im ersten der fünf Netze hat sich nur gerade ein einziger Felchen verfangen. Ins zweite Netz sind immerhin vier Felchen gegangen. Und – eher selten – zwei kleinere Saiblinge. Geduldig und mit geübten Handgriffen zieht Sieber Netz um Netz an Bord und „entwickelt“ die wenigen darin verfangenen Fische. Ein für die Jahreszeit sehr kühler Wind und der vor ihm hergetriebene feine Nieselregen dringen nicht durchs Ölzeug. Der Berufsfischer schwitzt. „Selbst im Winter, bei einigen Minusgraden, arbeitet ich mit nachten Händen“, sagt er: „So hat man mehr Fingerspitzengefühl.“ Mehr Gefühl? Für den sogar im Sommer fröstelnden Laien unvorstellbar, dass die klammen Hände des Fischers im Winter nicht gefühllos vor Kälte sind! „Die ersten fünf Minuten hat man kalt“ sagt Hans Sieber, „aber danach geht es ganz gut.“

Magere Fänge…

Allmählich wird es etwas heller. Eine von Thun heraufziehende neue Regenfront verschlingt die Ufer im Wasserdunst. Der See wird zum Horizont und erinnert plötzlich an einen Meeresarm, der sich zwischen Niesen und Niederhorn zwängt. Hans Sieber, der die seit 1902 bestehende Fischer Sieber bereits in vierter Generation führt, blickt auf die Uhr: „Nun ginge schon die Sonne auf.“ Die ersten fünf Netze sind eingeholt. Bereits ist klar: Heute wird der Fang mager. Der 47-jährige Fischer nimmt Kurs auf die zweite Petrollampe. Auch in der zweiten Serie von fünf Netzen haben sich nicht mehr Fische verwickelt. Die beiden letzten Netze sind sogar ganz leer.

Sieber klär auf, dass Felchen nicht einfach Felchen sind, während er das letzte hölzerne Netzmarkierungskreuz aus dem Wasser hievt. Im Thunersee kommen vier Unterarten vor. Brienzlig, Albock, Kropfer und Balchen unterscheiden sich leicht in Grösse und Aussehen, halten sich teils in unterschiedlichen Seegebieten auf und laichen teilweise auch zu unterschiedlichen Zeiten.

… und lange Arbeitstage

Dann geht es zurück in Richtung Ufer. Nach wenigen Minuten ist die idyllisch gelegene Fischerei in der Herbrig bei Leissigen erreicht. Siebers Frau wartet bereits. Gerade mal 17 Felchen und vier Saiblinge har er, der seit 20 Jahren auf dem Thunersee fischt hereingeholt. Fünf Kilo Bruttogewicht. 20 Kilo oder etwa 80 Fische wären befriedigender Durchschnitt. Der Berufsfischer und Vater zweier Kinder hat an seinem besten Tag auch schon 140 Kilo herausgezogen. Sofort wird der Fang mit sorgsamen, routinierten Messerschnitten zu Filets verarbeitet. „Nur indem wir den Fang weiterverarbeiten, können wir von der Fischerei leben.“ Sieber bietet unter anderem Filets sowie kalt und heiss geräucherte Produkte verschiedener Fischarten an; je nach Saison und Fang sind dies Felchen, Saibling, Seeforelle, Egli, Hecht oder Trüsche.

Der Tag ist eben erst angebrochen – und bei Leissiger Berufsfischer ist bereits der gesamte Fang eingebracht und verarbeitet. Feierabend? Natürlich nicht. Auch bei Siebers hat der Arbeitstag trotz allem erst begonnen. Eine Vielzahl von Unterhalts-, Reinigungs- und Büroarbeiten warten auf die Fischerfamilie. Netze müssen neu präpariert, teilweise auch repariert und Kunden bedient werden. Und so weiter. „Das Fischereigewerbe ist sehr arbeitsintensiv“, sagt Hans Sieber nachdenklich, „und reich wird man dabei auch nicht. Jedenfalls nicht in materieller Hinsicht.“ Ein zufriedenes Lächeln zeigt sich in seinem Gesicht. Sein Beruf verlange Hingabe, Geduld, Zähigkeit, Durchhaltewillen, Fingerspitzengefühl, Intuition und vieles mehr. Aber es gebe auch viel Freiheit. Der Fischer ist sein eigener Chef; niemand schreibt ihm vor, wie er seine Zeit einzuteilen hat. Hans Sieber würde seinen Beruf nicht tauschen. Auch nicht für viel Geld.

 

Quelle: Thuner Tagblatt, Mittwoch 21. Juli 2008 - Thuner Tagblatt Sommerserie 2008 - "Leben auf dem See"

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