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Das Festland ist zum Greifen nah

Land in Sicht: Die Verlegung der Erdgasleitung im Thunersee steht kurz vor dem erfolgreichen Abschluss. Richard Humbel ist froh. Der Projektverantwortliche blickt auf eine spannende und herausfordernde Zeit zurück.

Der Weidling wartet schon, um Richard Humbel im Neuhaus bei Unterseen an Bord zu nehmen. Sommerliche Wärme. Bilderbuchwetter. Der Fahrtwind kühlt angenehm, als das hölzerne Motorschiff mit dem Bauingenieur auf die Baustelle für die Erdgasleitung durch den Thunersee zusteuert. "Heute wären gerne noch zwei weitere Mitarbeiter aus dem Ingenieurbüro in Bern mit hinausgekommen." Richard Humbel lacht. Klar, dass ihn an Tagen wie diesem einige für die Inspektionsfahrt auf die wahrscheinlich exotischste Baustelle der Schweiz beneiden. Die Fahrt ist nur kurz, die schwimmende Baustelle nach einigen hundert Metern übers Wasser bereits erreicht.

Zum Greifen nah
Die Erdgasbaustelle, die während der letzten acht Monate gleichsam wie ein immenser Tatzelwurm langsam - mitunter stockend - über den See glitt, kommt wieder gut voran. Wie Dutzende Male zuvor steigt Richard Humbel vom Weidling auf die Bauplattform. "Nun ist wirklich buchstäblich Land in Sicht!" Der Ingenieur zeigt auf eine bewaldete Stelle bei der Badi Neuhaus. Dort wird die Leitung aus dem See kommen. Das letzte Stück über Land bis nach Interlaken ist bereits verlegt. Humbels Erleichterung ist spürbar. Das Land ist jetzt auch zum Greifen nah. Dabei war der Projektleiter der gesamten Leitungslegung über Land und durch den See, von Heimberg über Einigen und Leissigen via Neuhaus bis zum Spital Interlaken, nicht immer zu beneiden.
Zweimal steckte die Leitungsbaustelle im See fest, einmal im Winter und einmal im Mai. Das Führungsrohr, durch welches die Gasleitung über ein weltweit einmaliges ausgeklügeltes Absenkungssystem auf den Seegrund geleitet, hatte sich zweimal mit der Leitung verkeilt. Bei der ersten Panne wurde die Leitung gleich mit dem Führungsrohr auf den Seegrund abgesenkt. Das zweite Mal kam der grösste "Zigarrenschneider" der Welt zum Einsatz. Nachdem mit einer aufwändigen Suche die Stelle der Verkeilung gefunden war, schnitten die Spezialisten diesmal nur jenen Teil des Führungsrohres durch, in welchem sich die Verstopfung befand, um es wie zuvor mit der Gasleitung drin auf den Grund zu legen. Der grösste Teil des Führungsrohres blieb erhalten und konnte vorne um die Länge des abgetrennten Stücks wieder verlängert werden - eine erhebliche Kosten- und Zeitersparnis.

Probleme gelöst
"Solche Zwischenfälle stellten uns einerseits vor grosse Probleme. Doch das waren auch ganz spannende Herausforderungen" betont Humbel. Eine gewisse Begeisterung ist ihm anzumerken. "Wir haben sie alle gelöst." Mit einem eigens angefertigten überdimensionierten "Zigarrenschneider" ein Führungsrohr zu durchtrennen, ohne die darin verlaufende Gasleitung zu beschädigen, sei das eine. "Dies noch dazu fast 200 Meter tief unter Wasser zu tun, wo kein Tauscher hinkommt, ist doch ein Kunststück, auf das wir stolz sind", sagt der Ingenieur, nachdem er weiterer Details der komplexen Operation erklärt hat.
Soeben haben die Leitungsleger eine weitere Hürde gemeistert: einen Unterwasserabhang, über welchen die Leitung von 200 Meter Tiefe über eine ziemlich kurze Distanz auf 100 Meter ansteigt. Dass man hier nur langsam vorankommen würde, war klar. Nun sollte gerade rechtzeitig vor dem grossen Ferienrummel auf dem See das Festland erreicht sein. "Der Verkehr auf dem See nimmt jetzt täglich zu", stellt der Projektverantwortliche fest, während er zum Raddampfer "Blümlisalp" blickt, der gerade zwischen der Baustelle und dem Festland passiert.

Gute Erinnerungen
Heute ist einer von Humbels letzten Kontrollbesuchen auf der Seebaustelle: Absenkkurve des Führungsrohres und mit GPS die genaue Position feststellen. "Der Thunersee ist ein Fliessgewässer mit erheblichen Strömungen. Dazu spielt der Wind eine bedeutende Rolle", unterstreicht der 44-jährige Ingenieur. Weiter prüft er die Qualität der Rohrstücke, die hier draussen zusammengeschweisst werden, Schweissnähte, Manschetten et cetera und die Sicherung der Baustelle. Dazu kommt die Überprüfung der nächsten Termine und die Bauplanung mit Rücksicht auf den Verkehr im See. "Alles soweit in Ordnung." Richard Humbel ist befriedigt.
Froh ist der Abteilungsleiter des Ingenieurbüros B+S AG, welches Im Auftrag der Erdgas Thunersee AG den Leitungsbau plante, auch, dass seine Arbeit hier nun bald beendet ist. Denn schon warten neue Aufträge. Gasleitungen, die im Wallis zu verlegen oder im Rahmen der Rhone-Korrektur auch umzulegen sind. Doch auch etwas Wehmut schwingt mit. Erinnerungen an einzigartige Stimmungen. Die Ruhe und den Frieden auf dem See. Die gute kollegiale und lösungsorientierte Zusammenarbeit, gerade auch, wenn grosse Herausforderungen anstanden, erinnert sich Richard Humbel. "Eine solche Baustelle hat es weltweit noch nie gegeben. Das war für mich eine einzigartige Herausforderung und Chance."

www.erdgasthunersee.ch


Quelle: Thuner Tagblatt, Mittwoch 14. Juli 2008 - Thuner Tagblatt Sommerserie 2008 - "Leben auf dem See"
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